Wie zu viele Interessen beinahe mein Leben versaut haben

Wie zu viele Interessen beinahe mein Leben zerstört haben

Kennst du Menschen, die ständig von einer Idee zur nächsten springen, ohne ein festes Ziel zu verfolgen? Die immer wieder ein neues „Projekt“ beginnen, ohne ein anderes zuvor beendet zu haben? Sie sind von einem Tag auf den nächsten schon wieder von ganz anderen Dingen gefesselt und bleiben nie wirklich lange bei einer Sache. Ich kenne so jemanden nur zu gut – mich selbst.

Schon als Kind und Jugendliche hätte ich mich am liebsten zerteilt, um all meinen Ideen, Träumen und Interessen nachzugehen. Ich fing so vieles an und ließ fast genauso viel wieder liegen. Es machte den Anschein, als wüsste ich nicht, was ich wollte. Und ja, als es um die Berufswahl ging, wusste ich es tatsächlich nicht. Innerhalb meines letzten Schuljahres wechselte ich meine Meinung, zu dem, was ich werden wollte, von „keine Ahnung“ über „vielleicht Krankenschwester“ auf „ich will Sängerin werden“, „ach nein, doch Schriftstellerin“, „wie wär’s mit Psychologin, Philosophin oder doch Fotografin?“

Und auch heute ist eine meiner größten Sorgen, nicht genügend Zeit für all meine Leidenschaften zu haben. Klar, es ist ein Luxusproblem, das wahrscheinlich nur Menschen in wohlhabenden Ländern plagen kann. Dennoch ist es ein Problem, das sich nicht einfach so abstellen lässt. Es überfordert und kann einem ganz schön das Leben versauen. Immerhin bin ich so mit meinen eigenen Dingen im Kopf beschäftigt, dass keine Zeit bleibt, mich um eine „anständige“ Karriere zu kümmern.

Zudem ergreift mich die Angst davor, was das Umfeld sagt, wenn ich schon wieder etwas Neues anfange. Es fühlt sich richtig mies an, mir vor anderen eingestehen zu müssen, dass ich wieder nicht an einer Sache drangeblieben bin, weil es den Reiz für mich verloren hat und mich jetzt andere Dinge faszinieren. Niemand versteht es. Deshalb ziehe ich mich mit meinen Interessen lieber zurück und spiele Verstecken vor den Kritikern.

Vom Springen und Tauchen

Hast du schon einmal von „Scanner“-Persönlichkeiten gehört? Diesen Begriff prägte einst Barbara Sher und meint damit Menschen, die sich ungern auf eine Sache festlegen, weil sie am liebsten all ihre Interessen gleichzeitig verwirklichen wollen. Sie probieren gerne Neues aus, sobald sie aber verstanden haben, wie etwas funktioniert, langweilen sie sich damit. Diese Menschen gelten als eher sprunghaft.

Anders als der sogenannte „Taucher“, der in ein Thema regelrecht eintaucht, um alle Details zu erfahren und ein richtiger Experte auf seinem Gebiet werden kann. Noch immer gilt dieses Persönlichkeitsmerkmal als die Norm. So muss man sein, um erfolgreich zu werden.

Doch Barbara Sher zeigte, dass es durchaus in Ordnung ist, sich nicht derart tief in einen Sachverhalt hineinzuversetzen. Es ist mindestens genauso gut, breitgefächerte Fähigkeiten und Kenntnisse zu entwickeln. Das gab den Menschen, die von einem Thema zum anderen springen, endlich das Gefühl, auch wertvoll zu sein. Denn letztendlich haben beide Persönlichkeitstypen ihre Vorzüge. Weder das eine noch das andere ist besser.

Auch für mich war es eine Erleichterung, das zu erkennen. Ich darf sprunghaft und vielfältig sein! Es macht mich nicht zu einem schlechteren Menschen. Mit diesem Wissen konnte ich mein Leben endlich dem Zwang entreißen, mich auf ein großes Ziel festlegen zu müssen.

Leider habe ich mich viele verlorene Jahre mit dem Gedanken herumgequält, ich müsste anders sein. Ich habe versucht mit einer einzigen Tätigkeit zu verschmelzen, die mir Erfüllung bringen sollte. Doch ich fand sie nicht, weil es sie für mich nicht gibt. Immer wenn ich es versuchte, schrie in meinem Inneren das nächste Projekt nach Aufmerksamkeit.

Zu viele Interessen, zu wenig Zeit – Meine Lösung, um nicht durchzudrehen

Wissen ist der erste Schritt zur Heilung. Ohne die Erkenntnis, dass es auch anderen so geht wie mir und das völlig normal ist, würde ich mich wahrscheinlich heute noch fertig machen wegen meiner vermeintlichen Unzulänglichkeit, mich nicht auf eine einzige Sache fokussieren zu können. Ich wäre vermutlich noch immer damit beschäftigt mir das Leben zu versauen, nur um mich krampfhaft in eine Rolle hineinzupressen, die mir nicht liegt. Frustriert würde ich weiterhin beobachten, wie ich immer wieder an dem Versuch scheitere, mich in einer Richtung zu etablieren. Es entspricht eben nicht meinem angeborenen Wesen.

So habe ich mich von der Vorstellung verabschiedet, nur einen Weg verfolgen zu müssen, und gestatte es mir zwischen meinen Interessen hin und her zu springen, wie es mir beliebt. Doch um dabei nicht durchzudrehen, musste ich erstmal Ordnung in meinen verwirrten Geist bringen. Denn die Angst, am Ende meines Lebens nicht alles geschafft zu haben, bleibt unerträglich.

Viele Interessen, aber gut sortiert

Um mir einen Überblick zu verschaffen, habe ich eine Liste zu meinen Hauptthemen im Leben zusammengestellt, die mich wiederkehrend faszinieren. Diese sortierte ich anschließend nach der Wichtigkeit. Es gibt Themen, die mich stärker und häufiger anziehen als andere. Und es gibt Themen, die sich miteinander verknüpfen lassen. Trotzdem sind es zu viele, um sie alle im Alltag unterzubringen. Und es tauchen immer wieder neue auf, die nach meiner Aufmerksamkeit verlangen, wie kleine Kinder, die am Rockzipfel der Mutter ziehen, damit sie endlich mit ihnen spielt.

Je mehr Interessen ich mich widmen kann, desto glücklicher bin ich. Aber dazu brauche ich Zeit!

Die Zeit ist mein Schlüssel

Nachdem ich mir also eine Übersicht meiner Hauptinteressen angelegt habe, musste ich mir realistisch überlegen, wie viele davon im Alltag Platz haben.

Mich macht es auf Dauer wahnsinnig und extrem unzufrieden, wenn ich nur eine der vielen Möglichkeiten umsetzen darf. Die Vorstellung, mein gesamtes Leben bis zur Rente nur einem Hauptthema zu widmen, bringt mich innerlich um. Deshalb muss ich mir meinen Tagesablauf so abwechslungsreich wie möglich gestalten.

Um dieser Vorstellung getreu leben zu können, habe ich mich für eine 30-Stunden-Arbeitswoche entschieden. So kann ich die zusätzlichen zwei Stunden am Tag für das nutzen, was mir persönlich wichtig ist. Trotzdem habe ich ganz oft das Gefühl, nicht alles zu schaffen. Mein Tag bräuchte wohl 48 Stunden. Aber selbst das könnte knapp werden…

Wie teile ich nun meinen 24-Stunden-Tag ein?

Zunächst ziehe ich die Zeit für Schlaf, Arbeit (inklusive Wege), Mahlzeiten, Körperpflegeroutinen und (Haushalts-)Erledigungen ab. Die übrigen Stunden des Tages teile ich meinen Bedürfnissen und Interessen entsprechend ein. Um zu vermeiden, dass ich wertvolle Zeit unbewusst verstreichen lasse, schreibe ich mir abwechslungsreiche Tagespläne. Nur so habe ich das Gefühl, tatsächlich etwas zu schaffen.

Wie hilft dir das weiter?

Wenn du selbst Scanner bist oder jemanden kennst, der so veranlagt ist, dann lies dir die folgenden Tipps durch, um besser damit umzugehen.

1. Akzeptiere!

Es ist völlig okay, dass immer wieder neue Ideen deine Aufmerksamkeit fesseln. Gib sie ihnen! Um dich in das Thema zu vertiefen, kann ich dir das Buch von Barbara Sher empfehlen: „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“. Hier erfährst du nochmal ausführlich, wie Scanner-Persönlichkeiten ticken.

Das ist auch interessant, um deine Menschenkenntnis zu erweitern, falls du selbst kein Scanner bist.

2. Verschaffe dir Überblick!

Verschaffe dir einen Überblick über deine vielfältigen Interessen! Notiere dir dafür einmal alles, was dich je interessiert hat. Welche deiner Interessen tauchen immer wieder auf? Lassen sich einige sogar miteinander kombinieren? Picke dir dann drei, vier deiner wichtigsten heraus, um sie in deinen Alltag zu integrieren.

3. Strukturiere deinen Tag!

Bring Struktur in deinen Tag! Wenn du deine 24 Stunden gut planst, schaffst du mehr als du denkst (vergiss dabei nicht deinen Schlaf, deine Arbeitszeiten und sonstige alltägliche Routinen). Um glücklich zu werden, gestalte dir deine Freizeit so, dass sie dich glücklich macht. Stopfe deine freien Stunden nicht mit Dingen voll, die dir eigentlich keine Erfüllung bringen.

Vielleicht kannst du einem Scanner helfen, seine Zeit besser zu managen, falls du selbst keiner bist?

4. Wohin mit neuen Ideen?

Wenn dich eine neue Idee fesselt, empfiehlt Barbara Sher, sie in deinem persönlichen Projektbuch festzuhalten. So ist sie nicht verloren, falls du gerade keine Gelegenheit findest, dich näher mit ihr auseinander zu setzen. Vielleicht reicht es dir schon, es einfach mal notiert zu haben. Du kannst dieses Projektbuch auch als Warteliste deiner Einfälle betrachten. Sobald sich etwas in deinem Plan nicht mehr gut anfühlt, ersetze es durch etwas Neues. Immerhin warten schon die nächsten Projekte auf Verwirklichung. Du brauchst nur noch das Büchlein aufzuschlagen und zu schauen, auf was du als Nächstes Lust hast. Es gibt nun mal Menschen, die diese Abwechslung brauchen, um glücklich zu sein.

Kennst du das Problem auch, immer zu wenig Zeit für all die Dinge zu haben, die du gerne tun willst? Wie gehst du damit um? Arbeitest du an meheren Ideen gleichzeitig oder kümmerst du dich um eine Sache, ehe du zur nächsten übergehst? Ich freue mich auf deine Anregungen in den Kommentaren.

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