Ein Schmetterling will fliegen (Oder: Eine kurze Geschichte über das Leben)

Ein Schmetterling will fliegen

Wenn man die damals siebenjährige Lana gefragt hätte, was ihr am meisten Spaß machte, hätte sie schulterzuckend geantwortet: „Nichts. Aber ich denke mir gerne Geschichten aus, die ich dann Petra, Ines und Claudia erzähle – meinen Puppen.“

Hätte man die vierzehnjährige Lana nach ihren Interessen gefragt, hätte sie mit einer Wischbewegung der Hand geantwortet: „Keine Zeit! Ich muss Geschichten schreiben, also raus hier!“

Und hätte man die einundzwanzigjährige Lana gefragt, ob ihr das Lehramtstudium gefalle, so hätte ihre Antwort so ausgesehen: „Na ja, mit irgendwas muss man ja irgendwann Geld verdienen.“ Dabei tauchten in ihrem Inneren noch immer Ideen auf, aus denen sie eines Tages unbedingt Romane entwickeln wollte. Eine davon hatte es ihr besonders angetan. Doch zurzeit, blieb dafür… keine Zeit.

Die jungen Jahre zogen dahin, wie Wölkchen am Himmel – die erste große Liebe, die ersten Berufserfahrungen, dann das erste Kind und es folgte das zweite. Mit achtundzwanzig hatte sie sich ihr Leben eingerichtet. Zumindest irgendwie. Sie hatte nie groß Gedanken daran verschwendet, ob es das war, was sie wollte. So ließen die Wolken sich treiben, die Richtung bestimmte der Wind…

Doch warum fühlte sie sich nicht glücklich?

Wenn sie ihre Kinder beim Spielen beobachtete, sehnte auch sie sich nach dieser sorglosen Ausgelassenheit. Ihr Sohnemann Paul baute sich ganze Welten aus Legosteinen und Fantasie. Ihr Töchterchen Sofie sprach mit ihrem Kaninchen als würde es ihr antworten. Wo sind nur all die Jahre hin, war ein Gedanke, der Lana öfters durch den Kopf geisterte. So war ich doch auch mal! Wo bin ich? Wer bin ich?

SCHATZ!“ Die allzu vertraute Stimme ihres Ehemanns riss sie herzlich wie eh und je aus ihren Gedankengängen. „Der Herr, der uns den Fußboden vermisst, kommt jeden Augenblick. Würdest du deine Unterlagen noch wegräumen?! Wozu haben wir den großen Schreibtisch überhaupt?“ Viel weiteres hatten sie sich darüber hinaus nicht mehr zu sagen…

Jahr um Jahr flogen die Wolken der Zeit über ihren Himmel aus Verdruss. Hin und wieder zogen Gewitter auf, die ihr Kopfschmerzen bereiteten. Wie würde es ihr helfen, sich ihren Kummer und Frust einfach mal von der Seele zu schreiben, doch jede Minute ihres Lebens war verplant mit Pflichten, die ihr irgendwer auferlegt hatte. Sie konnte sich nicht einmal erinnern, wie es dazu kam, dass jemand ihr Stricke an Händen, Füßen sowie am Kopf befestigt hatte, um mit ihr ein Spiel zu spielen, das sie zu spielen nie verlangte. Jeder zog an ihr herum, jeder wollte, dass sie für andere tanzte. Mit fünfunddreißig was sie nur noch erschöpft. Am liebsten hätte sie sich ins Bett verkrümelt und wäre nie mehr aufgestanden…

„Mum, steh doch auf, Sofie und ich haben dir Frühstück gemacht.“ Ihr inzwischen fünfzehnjähriger Sohn stand neben ihr am Bett. Es waren weitere Jahre vergangen. Letzte Woche hatte ihr Mann sie verlassen für eine andere Frau. Er wohnte jetzt bei ihr. Seitdem regnete es. Es hatte lange nicht mehr geregnet. Ab und zu hatte es Hagelstürme und viele düstere Wolken gegeben, die Regen verhießen, aber zum Niederschlag war es nie gekommen.

Nachdem Lanas Wangen getrocknet waren und die Rötungen ihrer Augen nachgelassen hatte, funktionierte sie wieder. Er war fort. Das musste sie akzeptieren. Ihre wunderbaren Kinder waren jedoch noch da. Und sie halfen ihr wieder aus dem Bett zu kommen.

Inzwischen war Lana zweiundvierzig. Zeit, die Stricke, an denen sie festgemacht war, endlich zu durchtrennen. Jetzt wollte sie die Zügel selbst in die Hände nehmen. Sie stellte den Kochtopf auf den Herd und probierte ein Rezept aus, das schon lange in einer Schublade geduldig wartete. Ab heute sollte es keine Fertiggerichte mehr geben. Ihre Kinder – und sie selbst auch – hatten Besseres verdient! Ein Spalt tat sich in der dichten Wolkendecke auf und sie sah das Blau des Himmels, als hätte sie es nie zuvor gesehen.

Lana machte nun eine Metamorphose durch, die sie hätte schon längst machen sollen. Sie traf sich wieder regelmäßig mit ihren Freundinnen zum Laufen im Park, zum Quatschen im Café oder zum gemütlichen Abend abwechselnd bei sich oder einer der anderen. Sie gönnte sich im Alltag bewusst mehr Pausen für Erholung. Dafür musste ihr Perfektionismus weichen. Und sie nahm sich endlich vor, ihr Herzensprojekt zu verwirklichen: Den Roman zu schreiben, den sie immer schreiben wollte.

Das alles kam natürlich nicht von heute auf morgen. Der Schmetterling musste sich erst verpuppen und in sich gehen, um sich selbst und seine wahren Wünsche zu entdecken. Bis zur fünfzig war es nicht mehr weit. Doch Lana spürte schon die Flügel, die sich entwickelten, um bald loszufliegen in ein Leben, das ihren Vorstellungen entsprach. Allerdings schlug das Schicksal andere Wege ein…

Gefühlt zerriss ein Meteorit den nunmehr heiteren Himmel so jäh und traf sie so hart, dass sie mit neunundvierzig in die Knie gezwungen wurde. Diagnose: bösartiger Hirntumor! Sie hatte nicht mal mehr ein halbes Jahr zu leben. Der Schmetterling würde seine Flügel nun doch nie entfalten können. Sie waren gebrochen. Ihr Dasein war gebrochen.

„Dabei habe ich gerade begonnen, mein Leben zu lieben.“

Nachwort

Zugegeben, das Ende ist hart. Aber so ist das Leben auch. Niemand weiß, wie viel Zeit noch auf der eigenen Lebensuhr für einen tickt. Hierzu bleibt uns der Blick (zum Glück) vollständig verwehrt. Es sei denn, man bekommt eine so schlimme Botschaft wie Lana in dieser Geschichte. Doch darauf möchte man wohl wirklich verzichten.

Ja, das Leben ist kurz, egal wie alt wir tatsächlich werden. Am Zeitraum des gesamten Universums gemessen, sind wir alle nicht einmal einen Bruchteil von einem Wimpernschlag lang lebendig. Umso kostbarer sollte uns die Zeit sein!

Wir verschwenden Jahre des Trübsalblasens, weil uns irgendwann mal wer fürchterlich verletzt hat, weil die Kindheit wie ein fürchterlicher Albtraum war oder das Leben uns ungerecht behandelt hat. Ich würde behaupten, die wenigsten verfügen über das Glück, die besten Ausgangsbedingungen für ein heiteres Leben zu haben. Sollen wir deshalb alle in der Misere verderben?

Es steht dir frei, Kränkungen, Schmach und Demütigungen durch andere, zu vergeben. Nicht für die anderen, sondern für dich selbst! Ebenso steht es dir frei, dir verpasste Chancen und falsche Entscheidungen zu verzeihen, um endlich das Leben wieder mit Genuss, Liebe und Freude zu füllen.

Tu dir den Gefallen, lass die Vergangenheit los! Es dauert seine Zeit, aber es bringt dir dein Lachen zurück. Lana hat wenigstens noch erfahren, wie wunderbar sich das Leben anfühlen kann. Gerne hätte sie das Gefühl länger ausgekostet. Deshalb verlier keine Zeit! Gib auch dir die Chance, glücklich zu werden, denn es ist das schönste Gefühl der Welt!!!

Wenn du jetzt mal dein Leben genauer unter die Lupe nehmen möchtest, lege ich dir diesen Beitrag sehr ans Herz: Die Zeit unter der Lupe: So bestimmt der Siebenjahresrhythmus dein Leben

Möchtest du dich zudem von deinen Fesseln befreien und die Regie über dein Dasein von nun an selbst führen, gebe ich dir zum Einstieg diesen Text an die Hand: Metamorphose des Ichs: Vom verblüffenden Prozess, deinen Träumen Flügel zu verleihen

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