Zu nett? Ein Plädoyer für mehr Freundlichkeit

Zu nett?

Du bist zu nett, zu lieb, zu gut für diese Welt! Das klingt doch irgendwie abwertend, oder? Und das nur aufgrund des kleinen Wörtchens „zu“.

Oft wurden mir derartige Sätze schon vor die Füße gekotzt. Wobei ich mein Gegenüber fragend anschaue: „Was stimmt mit deiner Welt nicht?“ Nein, das habe ich nicht laut ausgesprochen, ich bin ja nett. Leider?

Von allen Seiten höre ich das Gemaule: Was ist nur aus der Jugend geworden? Kein Respekt mehr! Die Alten sind auch nicht besser; schieben dir beim Einkaufen den Wagen von hinten in die Knochen. Feindseligkeiten unter Kollegen, Distanziertheit in der Nachbarschaft. Alle haben mit sich zu tun. Egoismus, wo man nur hinschaut. Aber ich bin zu nett?!

Ja, nett ist die kleine Schwester von scheiße. Und lieb ist die Großcousine von langweilig. Wenn dies das gängige Weltbild ist, muss man damit leben, dass niemand mehr gut sein will.

Dabei hat es sich stammesgeschichtlich gelohnt, freundlich zu sein. Zusammenhalt sicherte das Überleben unserer Ahnen. Und nicht nur das. Es gibt weitere gute Gründe, nett zu sein. Welche? Das verrate ich dir jetzt in diesem Beitrag.

Warum lohnt es sich, nett zu sein?

Freundlichkeit schafft Verbundenheit

Wie schon gesagt: Anderen gegenüber wohlgesonnen zu sein, schafft Verbundenheit zwischen dir und deinen Mitmenschen. Und da der Mensch ein soziales Wesen ist, braucht er diese Verbindung zu anderen unbedingt, um sich ausgeglichen und wohl zu fühlen.

Treibt jemand einen Keil zwischen dich und deine Freunde oder Kollegen, fühlst du dich einsam, verloren und traurig. Aber auch der Verursacher fühlt sich unmöglich glücklich in seiner Rolle. Denn er muss befürchten, dass du feindselig zurückschlägst. Das ist alles andere als eine gemütliche Atmosphäre, die damit geschaffen wird.

Wir sind auf eine vertrauensvolle Umgebung angewiesen, um uns entfalten zu können. Wenn wir hinter jedem Gesicht einen potenziellen Feind vermuten, trauen wir uns nicht, uns so zu zeigen, wie wir sind. Wir verstecken uns stattdessen hinter einer Maske, um uns sicherer zu fühlen. Ich weiß ja nicht wie es dir geht, aber ich fand Menschen in Verkleidungen – sei es in Kindersendungen, im Zirkus, in Freizeitparks oder auf Straßenfesten – immer schon unheimlich. Du weißt nie wer dahinter steckt. Ist er wohlgesonnen oder feindselig? Hat er gute Absichten oder böse?

Gute Laune kostet nur ein Lächeln

Stell dir vor, du gehst durch den Park und eine Frau mit strenger Miene geht an dir vorüber. Sie würdigt dich keines Blickes. Ihre Augen starren geradeaus. Vielleicht ist es nur eine Maske, die sie trägt, um sich zu schützen. Denn sie weiß schließlich nicht, wie du so drauf bist. Aber das beiseitegelassen: Wie fühlst du dich dabei?

Ein Stück weiter begegnet dir ein alter Mann auf dem Fahrrad. Er lächelt dich freundlich an, während er an dir vorbeifährt. Wie fühlst du dich jetzt? Sicherlich besser.

Aus wissenschaftlicher Sicht, lassen sich diese unterschiedlichen Gefühle anhand eines winzigen Teils im Großhirn erklären, der für das Lust- und Frustempfinden verantwortlich ist – die sogenannte Amygdala. Verschiedene Forschergruppen fanden heraus, dass ein unfreundliches Gesicht die rechte Amygdala stimuliert, welche Unlust und Furcht hervorruft. Schaut man hingegen in ein fröhliches Gesicht, erzeugt die linke Amygdala ein Gefühl von guter Laune.*

Wenn das kein Grund ist, anderen öfters ein Lächeln zu schenken! Die Chancen liegen nicht schlecht, dass die Freundlichkeit erwidert wird.

Was du aussendest, kommt zurück zu dir

Bleiben wir noch ein Weilchen im Park. Du betrachtest das fröhliche Tollen der Kinder. Sie jagen sich beim Fangerspiel, da rutscht plötzlich ein kleines Mädchen auf dem sandigen Weg mit den Füßen weg und fällt vor dir hin. Du gehst zu ihm in die Hocke und beruhigst das weinende Kind. Bis die Mutter angelaufen kommt, lächelt das Mädchen schon wieder. Auch die Mutti freut sich über deine Freundlichkeit und vielleicht entsteht ein kurzes nettes Gespräch. Wie fühlst du dich? Großartig! Diese Energie wird dich den ganzen restlichen Tag begleiten. Du bist richtig gut drauf. Denn was du Liebevolles aussendest, kommt doppelt zu dir zurück.

Dasselbe gilt auch, wenn du Negatives ausstrahlst. Dieselbe Szene: Nur, dass du über das brüllende Mädchen hinwegsteigst, dich noch murmelnd über das schlechte Benehmen auslässt sowie darüber, dass die Mütter ihre Kinder doch mal zügeln sollten, damit die Passanten nicht ständig über sie stolpern müssten. Die Mutter läuft an dir vorbei zu ihrem weinenden Schatz und wirft dir einen bösen Blick zu, weil sie dich gehört hat. Wie fühlst du dich jetzt? Nicht gerade glücklich, oder?

Gut sein lohnt sich also, weil es dir wunderbare Gefühle beschert! Willst du glücklich sein, musst du Gutes tun.

Eine Frage der Selbstachtung

Mit dem Wissen, eine gute Tat vollbracht zu haben, schlenderst du voller Selbstbewusstsein nach Hause. Die Welt deines freundlichen Ichs ist eine heitere. Die deines Ich-zeig-der-Welt-den-Stinkefinger-Egos ist dagegen düster und voller Schatten.

Auch dein Spiegelbild ist ein anderes. Ein freundlicher Mensch, der diese Freundlichkeit erwidert bekommt, findet es völlig okay, wenn da ein paar Lachfältchen unter den Augen hervortreten. Sie gehören dazu und machen dich nicht weniger liebenswert. Im Gegenteil, sie beweisen, dass du gerne lachst!

Ein unfreundlicher Mensch, der diese Unfreundlichkeit zurückbekommt, gibt den Makeln in seinem Gesicht viel größere Bedeutung. Er will ständig an seinem Äußeren Veränderungen vornehmen, um sich attraktiver erscheinen zu lassen. Dabei ist ein aufrichtiges Lächeln das kostengünstigste und einfachste Verschönerungsmittel, das es gibt auf der Welt. Zu langweilig?

Nun, du entscheidest selbst, wie du dich fühlst, wie du dich wahrnimmst und wie du dich selbst achtest!

Liebe entspannt und löst Stress auf

Eine liebevolle Umarmung. Ein freundlicher Blick. Jemand bringt dir das Portemonnaie, das du im Park verloren hast. Solch nette Gesten entspannen das Gemüt und lösen Stress im Nu auf. Denn wir spüren die Verbundenheit mit unserer Umwelt. Zu wissen, es gibt Liebe in der Welt, beruhigt unser Herz. Damit schließt sich der Kreis der Freundlichkeit.

Es ist NICHT scheiße oder langweilig, gut zu sein. Nein überhaupt nicht! Es macht die Welt einfach schöner und heiterer – eben zu einem Ort, an dem man gerne zu Hause ist. Ein Ort, an dem man Menschen begegnet, die wir als Freunde ansehen – nicht als Feinde. Zwar harmoniert nicht jeder Mensch miteinander. Aber man kann sich allemal respektieren.

Einem Gefallenen aufzuhelfen fühlt sich besser an, als den am Boden Liegenden zu treten. Eine verlorene Geldbörse dem Besitzer zurückzubringen fühlt sich besser an, als sie zu behalten. Jemanden ein Eis auszugeben fühlt sich besser an, als immer nur alleine eisschleckend auf der Parkbank zu sitzen. Im Grunde sagt uns das Gefühl schon, dass es gut ist, nett zu sein.

Deine Wahl

Mich macht nett sein glücklich. Und ich finde nicht, dass man „zu“ nett, „zu“ lieb oder „zu“ gut für die Welt sein kann. Zu feindselig, zu verbittert oder zu ungerecht ist das eigentliche Problem.

Mag sein, dass ein Kind, das in einem feindseligen Milieu aufwächst, sich eher behaupten muss, als ein Kind, das in einer behüteten Umgebung groß wird. Mit Betrug, Lügen und Manipulation kommt es vielleicht weiter als mit Großzügigkeit, Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit. Aber es verbessert die Situation nicht. Weder die allgemeine noch die persönliche. Das miese Gefühl zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben. Und wenn die Reißleine nicht gezogen wird, versinkt der Geist immer mehr im Morast finsterer Hoffnungslosigkeit.

Der Mensch hat eine Doppelnatur. Er ist nicht nur gut oder ausschließlich böse. Er vereint beide Gegensätze. Letztendlich entscheidet jeder selbst durch sein Handeln, wie viel Gebrauch er von der einen oder anderen Seite macht.

Nur weil deine Vergangenheit herausfordernd war und dunkle Seiten in dir hervorgerufen hat, heißt das nicht, dass du nie wieder Freude empfinden darfst. Nur weil du niemals wahre Liebe erfahren hast, heißt das nicht, dass sie dir für immer verwehrt bleibt. Und nur weil du glaubst, mit Habgier und Skrupellosigkeit könne man alles erreichen, ist das noch längst nicht die Wahrheit. Denn eines bekommst du damit sicher nicht: Ein glückliches Leben.

Entscheide dich also für ein Miteinander statt für ein Gegeneinander. Das macht dich vielleicht nicht finanziell reicher, aber wie reich kann jemand sein, der nur Geld besitzt, aber keine Liebe und innere Zufriedenheit?

Was kannst du konkret tun?

Wie du gesehen hast, lohnt sich das Nettsein für dich. Du schaffst damit eine ehrliche Verbundenheit zu deinen Mitmenschen und deine Laune geht hoch. Zudem kommt das Gute zu dir zurück, denn wenn du freundlich zu anderen bist, spiegeln sie dieses Verhalten automatisch wider. Deine Selbstachtung wächst und du fühlst dich allgemein entspannter, wenn du weißt, etwas Gutes vollbracht zu haben.

Was kannst du also ab heute konkret tun, damit du von der glücksversprechenden Wirkung profitierst, die nett sein mit sich bringt?

  • Begegne deinen Mitmenschen mit Wohlwollen. Wenn du spürst, dass dein Gegenüber dies nicht erwidert, bleib höflich, aber verschwende keine Energie an dieser Person.
  • Lächle öfters. Auch Fremde freuen sich über freundliche Gesichter.
  • Überlege, was du zu geben hast. Jeder hat seinen eigenen Rahmen, in der er Gutes bewirken kann. Suche dir dein Spielfeld und mach etwas daraus.
  • Sei offen für spontane Möglichkeiten, um Gutes zu tun. Fällt zum Beispiel ein Kind vor deine Füße, helfe ihm spontan hoch. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für alte Leute oder wer oder was auch immer dir vor die Füße purzelt. Ist es eine Geldbörse, bring sie dem Besitzer zurück.

Und noch etwas: Erwarte nie eine Gegenleistung für deine Wohltätigkeit. Denn sonst ist es keine.

Nun raus in den Park und sei nett! 🙂

Noch nicht überzeugt? Dann schau doch hier vorbei, was die Forscher zu dem Thema sagen.

*Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? München 2007 (S. 150/151)

Bild von Adina Voicu auf Pixabay

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